Zurück in die Städte: Interview mit Carole Iselin Leave a comment

Die Zürcher Architektin Carole Iselin spricht im Interview über die Zukunft des Wohnens, über mutige Bauten und was die Schweizer Architekten von den Spaniern lernen können.


Stellen Sie sich bitte kurz vor:
Mein Name ist Carole Iselin, ich bin Architektin, in Zürich geboren und aufgewachsen.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Die Gestaltung unserer Umgebung ist mir sehr wichtig. Nach der Matura habe ich zunächst die Hochschule der Künste Zürich besucht. In der Folge schrieb ich mich für das Architekturstudium an der ETH Zürich ein.

Wollten Sie immer schon Architekt werden?
..Architektin, Gestalterin, Blumenfrau… bestimmte Orte und Räume haben mich schon immer angezogen und fasziniert. In jungen Jahren liebte ich neue Raumkonstrukte zu kreieren, erst aus alltäglichen Gegenständen, später experimentierte ich mit Materialien aus Abbruchobjekten.

Sie haben das Architekturstudium an der ETH Zürich absolviert. Wie sehr hat Sie das geprägt?


Die ETH Zürich bietet eine solide technische Ausbildung. Zu meiner Zeit orientierte sich die Schule an der Bauhaus Architektur. Die Projektierungstiefe und die Ausarbeitung bis ins Detail waren weitere wichtige Punkte in meiner Ausbildung. Desgleichen wichtig für mich war meine Tätigkeit in drei renommierten Architekturbüros in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen – New York, Barcelona und Zürich. Diese beruflichen Erfahrungen waren wegweisend für meine persönliche Reifung als Architektin.

Wohnen Kochen Essen Arbeiten im Ferienhaus Lü.
Wohnen Kochen Essen Arbeiten im Ferienhaus Lü. Architektur: Carole Iselin, Foto: Georg Aerni

Worin sehen Sie als Architekt heute Ihre Hauptaufgabe?
Ein Gebäude sollte dem Bewohner eine positive Identifizierung mit seinem Lebensort erlauben. Jedes Gebäude ist einmalig und einzigartig zugleich – durch seine Lage, seine architektonische Idee, sein Programm und seine Nutzung. Die Aufgabe des Architekten ist jedes Gebäude zum Leben zu erwecken. Sein Arbeitsmaterial das sind: der Mensch, der Werkstoff, die Konstruktion, der Ort, das Licht, der Maßstab und vieles mehr. Durch die Kombination und Anwendung bestimmter Materialien und Farben werden sinnliche, haptische und poetische Erfahrungen ermöglicht, die in der Architektur genauso von grosser Bedeutung sind.

Welche Entwicklungen haben Sie seit der Gründung Ihres Büros 1999 bis heute durchgemacht?

Zu Beginn planten wir mehrere Umbauten mit kleinen gezielten Interventionen. Daneben nahmen wir an verschiedenen Wettbewerben teil und beschäftigten uns auch mit grösseren Gebäuden. Bei den Projekten stellte sich uns immer wieder die Frage nach dem Notwendigen: was ist wichtig und was kann weggelassen werden. Die Fragestellung im Bezug auf Räume, Materialien und das Reduzieren auf das Wesentliche konnten wir bei den letzten beiden Bauten zusammenführen und vertiefen.

Wie entwerfen Sie Ihre Gebäude, und welche Rolle spielt beispielsweise der Ort, für den Sie ein Gebäude planen?
Jeder Ort ist einzigartig und das Besondere eines Ortes herauszukristallisieren ist für uns jedes Mal eine Herausforderung. Das braucht Zeit, man muss sich auf den Ort einlassen, die Stimmung jeden Ortes einfangen und so Baukörper und Ort in einen Dialog bringen. Der Ort ist sehr wichtig für unsere Projekte, dies gilt im doppeltem Sinne; Sowohl von aussen nach innen (wie das Gebäude auf den Ort reagiert) wie von innen nach aussen (besondere Ausblicke, Besonnung). Im Ferienhaus Lü haben wir zB. einen schönen Ausblick über die blühende Alpenwiese mit einem Panoramafenster, welches über Ecke geht, akzentuiert. Ebenso zentral wie der Ort sind Fragen über Bedürfnisse und Nutzungsvorstellungen der Bauherrschaft.

Welche Fragen stellen Sie dem Bauherrn, damit er seine Wünsche formulieren kann?


Wir führen viele Gespräche über Raumprogramm, Flächen, Kosten bis zu detaillierten Fragen über einzelne Räume, deren Nutzung und Bedeutung. Mit Architekturbildern und Besichtigungen von Referenzobjekten versuchen wir die Vorstellungen und Wünsche der Bauherren einzufangen. Spannend für uns sind auch Vorlieben der Bauherren, die wir thematisieren und umsetzen. Das gibt eine persönliche Note. Bei unserem letzten Wohnhaus in Deutschland brachten wir den Wunsch nach einem Giebeldach in einer neuen verstärkten Form wieder; ein Haus mit zwei parallel verlaufenden Giebeln.

„Architektur soll nicht mehr kosten, sie soll mehr können“, steht auf Ihrer Website. Am besten sollte Planung heute nichts mehr kosten. Können Sie diese Aussage bestätigen?
Die Frage ist mehr, für was wir unser Geld ausgeben, für teure Materialien wie Marmor, vergoldete Armaturen usw. oder für die Gestaltung der Räume. Luxus für mich ist räumliche Qualitäten und sinnliche Erfahrungen. Sie bedeuten mir wesentlich mehr als teure Materialien. Gute Architektur orientiert sich an der Funktion und ist radikal und ehrlich und kann auf die Patina von teuren Materialien verzichten. So lassen sich Kosten sparen.

Ferienhaus Lü Carole iselin
Links: Treppe aus Sichtbeton. Rechts: Raumhohe Schrankwand aus Arvenholz. Architektin: Carole iselin, Fotos: Georg Aerni

Mit dem Ferienhaus Lü haben Sie einen Bergkristall in die Landschaft gezaubert. Was war die große Herausforderung bei dem Projekt?
Zusammen mit den Bauherren haben wir beschlossen, uns auf die beiden Materialien Sichtbeton und Arvenholz zu beschränken, also ohne Verkleidungen, Putze, Fliesen usw.. Die grosse Herausforderung war die radikale Reduktion auf das Wesentliche in der Kombination mit den beiden gewählten Materialien. Jede Einzelheit musste in Bezug auf Gestaltung und Funktion hinterfragt werden. Frei nach dem Satz: „Perfektion ist, wenn man nichts mehr weglassen kann“ Antoine de Saint-Exupéry. Auch vom technischen Aspekt war das Projekt eine Herausforderung. Die Aussenwände aus Dämmbeton und die Betondecken wurden als eine Schicht ausgeführt. In diese wurden sämtliche Sanitärrohre und Elektroleitungen inkl. Dosen einbetoniert. Dies setzte eine sorgfältige Planung bis ins kleinste Detail voraus. Sichtbeton verzeiht keine Fehler.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Von alltäglichen Bildern und Gegenständen, Kunst, Materialien, Oberflächen, Strukturen, Farben, Stimmungen…, Dinge denen ich begegne.

Wie gefällt Ihnen das Turmhaus von Georg Bechter?


Das hohe schmale Volumen des Baukörpers und wie er als Gegenpol zu den umliegenden Gebäuden steht, gefällt mir sehr gut. Spannend ist auch die Innentreppe aus Schwarzstahl sowohl in der Materialisierung als auch in ihrer Wirkung als Skulptur.

Was ist für Sie gute und was ist schlechte Architektur?


Gute Architektur berührt, inspiriert, regt die Sinne an, erzählt Geschichten. Sie lässt Raum offen für den Nutzer und für Interpretationen. Gebäude, welche auf den zweiten Blick auffallen, haben vielfach mehr Qualitäten. Für gute Architektur braucht es einen engagierten Architekten, eine innovative sorgfältige Planung und Bauherren, die offen für Neues sind.

Würden Sie sich mutigere Bauten in der Schweiz wünschen?


…mutigere und vielleicht auch weniger ernste Bauten. Generell bin ich mit der Schweizer Architektur und v.a. mit der Bauqualität zufrieden. Vielleicht könnten wir mehr Freude und Leichtigkeit von den Spaniern lernen oder auch vom Norden.

Welchen Architekten schätzen Sie?
Es gibt viele Architekten, die ich schätze. Architekten, die mit ihren eigenen Qualitäten und ihrer persönlichen Sprache überzeugen.

Es gibt Hörsäle voller Architekturstudentinnen, jedoch verhältnismäßig wenig Architektinnen. Wo sehen Sie das Problem?


Das Problem ist auch in anderen Berufen bekannt. Für Architektur braucht es viel Engagement und manchmal geht es über die geregelte Arbeitszeit hinaus. Es gelingt nur wenigen Frauen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Wie sieht die Zukunft des Wohnens aus?
Seit ein paar Jahren ist der Trend zurück in die Stadt. Es gibt auch Strömungen wie Urban Planting und Urban Flowering. Man könnte vermehrt die Qualitäten vom Land in die Stadt bringen und in Wohnbauten integrieren. Ich sehe mehrgeschossige Häuser mit vertikalen und hängenden Gärten, welche über und untereinander liegen.

Gibt es Dinge, die Sie gerne realisiert hätten, aber nicht realisieren konnten?
Da gibt es einige Projekte, z.B. die Ausstellungsgestaltung in der Abegg Stiftung oder die Schulhauserweiterung in Oberkirch…

Was sind Ihre drei Lieblingsprojekte?
Das Ferienhaus in Lü und das Wohnhaus in Büttelborn (Deutschland). Beide Projekte sind in enger Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft entstanden. Und vielleicht der Prototyp in Aschaffenburg…

Woran arbeiten Sie derzeit?
Wir sind an den letzten Arbeiten für das Wohnhaus in Büttelborn. Daneben arbeiten wir an Wettbewerben.

 

Vielen Dank für das ausführliche Interview!


 

Weitere Informationen zu Carole Iselin:

Zacasa Interview Carole Iselin Portrait

Carole Iselin dipl. Architektin ETH SIA, geboren und aufgewachsen in Zürich, Schweiz.

  • Seit 1999 selbstständig
  • 2006-2007 Assistentin bei Doz. Mamen Domingo, ETH Zürich

Weitere Informationen: www.iselin-architektur.ch


Fotos: Georg Aerni

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