Ein Gebäude sollte nicht modisch sein, durchaus aber Zeuge seiner Zeit – Interview mit Martin Heiderich Kommentar schreiben

Martin Heiderich ist erfolgreicher Architekt und Mitautor verschiedener Publikationen. Zacasa hat sich mit ihm über neue Herausforderungen, die Bedeutung von Materialien und die Zukunft des Wohnens unterhalten.


Stellen Sie sich bitte kurz vor:
Martin Heiderich, 51 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Söhnen, Kind des Ruhrgebiets, Architekt.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Wollten Sie immer schon Architekt werden?
Irgendwann mit etwa 15 Jahren habe ich mir das vorgenommen, weil mich das Bauen begeisterte, allerdings noch ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet.

Sie haben an der Universität Dortmund Architektur und Städtebau studiert. Wie sehr hat Sie das geprägt?
Immens! Zuvor hatte ich eine Tischlerlehre abgeschlossen und war dadurch bereits konstruktiv geprägt. Das wurde perfekt weitergeführt durch eine sorgfältige technische Grundlehre. Dazu kam die stark ausgeprägte rationalistische Haltung in Dortmund und nicht zuletzt das Dortmunder Modell: Die gemeinsame Ausbildung von Bauingenieuren und Architekten an beispielhaften Projekten.

»Architektur ist elementarer Bestand­teil erlebbarer Umwelt und somit Grund­bedürfnis. Im Ideal gleicher­maßen ästhetisch, funktional, wirtschaftlich und nachhaltig.«

Worin sehen Sie als Architekt heute Ihre Hauptaufgabe?
Eine besondere Verantwortung des Architekten und damit ein wesentlicher Unterschied zu anderen Kunstgattungen und Ingenieurrichtungen ist die Dauerhaftigkeit des Werkes.

Welche Entwicklungen haben Sie seit der Gründung Ihres Büros 1993 bis heute durchgemacht?
Mehr durch einen Zufall habe ich sofort nach dem Diplom einen Auftrag für ein Einfamilienhaus bekommen und mich damit selbstständig gemacht. Kurz darauf wurde mir eine Assistentenstelle am Lehrstuhl für Entwerfen und Gebäudetheorie an der Hochschule angeboten. In den ersten 10 Jahren habe ich das Büro in Teilzeit neben der wissenschaftlichen Mitarbeit als Assistent an der Universität Dortmund betrieben. Damals haben wir viele Projekte in Teams mit Freunden bearbeitet und natürlich an vielen Wettbewerben teilgenommen. Daraus resultierten auch erste Aufträge. So z.B. der Bahnhofsvorplatz in Osnabrück. Noch in dieser Zeit habe ich die ersten Mitarbeiter eingestellt. 2003 haben wir dann eine Partnerschaftsgesellschaft mit drei Inhabern gegründet. Bis 2009 haben wir Hotels, Bars, einen sehr schönen Jazzclub in einem alten Kino und einen Busbahnhof gebaut. Seit 2009 gibt es jetzt das Büro ohne Partner hier in Lünen in eigenen Gebäuden. Das hat einen wesentlichen Einfluss auf die Positionierung und die Wahrnehmung durch die Auftraggeber gebracht.

“Eine Kirche ist eine Kirche, ein Museum ein Museum, eine Schule eine Schule und ein Wohnhaus eben ein Haus zum Wohnen.” Sie sind der festen Überzeugung, dass ein Gebäude nicht beliebig wechselnde Nutzungen bedienen können muss. Warum und woher kommt diese Meinung?
Natürlich haben auch multifunktionale Gebäude ihre Berechtigung. Ebenso kann man auch in einer Kirche oder einer Lagerhalle wohnen. Dennoch ist aber die Nutzung wichtig für Maßstab, Struktur und Beziehung des Gebäudes zum Umfeld. Umnutzungen sind selten so perfekt wie ein ursprünglich spezialisierter Entwurf. Überhaupt ist mir die Angemessenheit eines Gebäudes zu seiner Nutzung sehr wichtig.

Wie entwerfen Sie Ihre Gebäude, und welche Rolle spielt beispielsweise der Ort, für den Sie ein Gebäude planen?
Der Ort ist natürlich eines der wichtigsten Kriterien. Aus den vielen Parametern einer Aufgabe forme ich im Kopf eine dreidimensionale Struktur. Das reicht relativ weit und kann schon sehr komplex werden. Ich skizziere fast nicht, meist arbeite ich mit Modellen. Dann gebe ich die Gebäude ins CAD ein, in 2 D. 3D Simulationen benutze ich für Darstellungen für die Bauherren.

Wohnzimmer und Couch von Haus P in Düsseldurf, Architek: Martin Heiderich
Wohnzimmer des »Haus P« in Düsseldurf, Architek: Martin Heiderich

Welche Fragen stellen Sie dem Bauherrn, damit er seine Wünsche formulieren kann?
Das kommt sehr auf den Bauherrn und sein Wissen über Architektur an. Unabhängig von der Aufgabenstellung und der geplanten Nutzung führen wir viele Gespräche. Ich lasse mir von den Bauherren beschreiben, wie sie sich die Benutzung des Gebäudes vorstellen. Dabei versuche ich herauszufinden, wie die Kunden Raum, Licht und Materialien empfinden. Dabei geht es eher um Stimmungen als um Bilder.

Am besten sollte Planung heute nichts mehr kosten. Können Sie diese Aussage bestätigen?
In einigen Bereichen ist diese Meinung leider sehr verbreitet. Die Menschen, für die wir arbeiten kommen anfangs wegen unserer Bauten zu uns. In der Regel können wir sie davon überzeugen, dass eine sorgfältige und gute Planung immer einen Mehrwert für die Bauherren bringt.

Wenn wir uns das EFH P, Dortmund betrachten, fällt auf, dass hier viele Einflüsse und Materialien verarbeitet wurden. Welche Bedeutung hat das Material, die überraschende Kombination verschiedener Materialien für Sie?
Material ist essentiell! Wann immer es das Budget zulässt, versuche ich, die Farbstimmung eines Gebäude mit den Materialien herzustellen. In meinem Büro pflegen wir eine immer größer werdende Sammlung von Materialbeispielen. Im Gespräch mit den Bauherren arbeiten wir mit diesen Materialproben. Wichtig sind dabei neben der Farbe die Struktur, die Haptik, die handwerkliche Bearbeitung, aber auch die Herkunft und die Bedingungen der Produktion der Baustoffe.

Außenansicht von Wohnhaus P In Düsseldurf, Architek: Martin Heiderich
Außenansicht des EFG »Haus P« in Düsseldurf, Architek: Martin Heiderich

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Von vielen Dingen. Architektur entsteht nicht aus sich selbst. Mich interessieren Hintergründe, Zeitbezüge, Parallelen zu Mode, Design, Kunst, Technik und Wissenschaft.

Was ist für Sie gute und was ist schlechte Architektur?
Gute Architektur entsteht durch gute Architekten, gute Tragwerksingenieure und Gebäudetechniker, gute Handwerker, angemessenes Budget, immer auch durch gute Bauherren und vor allem durch gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten. Wenn nur ein Teil davon fehlt, wird das Ergebnis nicht mehr so gut.

»Ein Gebäude sollte nicht modisch sein, durchaus aber Zeuge seiner Zeit.«

Würden Sie sich mutigere Bauten in Deutschland wünschen?
Mutig ist hier ein schwieriger Begriff. Ich glaube Architektur muss in Deutschland zu einer Alltagskultur werden. Schon in den Schulen muss Architektur von speziell ausgebildeten Lehrkräften vermittelt werden. Um eine nützliche öffentliche Diskussion zu bekommen, muss die Gesellschaft mehr über Architektur wissen.

Welchen Architekten schätzen Sie?
Viele. Natürlich habe ich meine berühmten Vorbilder. Allerdings wüsste ich niemanden, der alles was mir wichtig ist vollständig repräsentiert.

Wie sieht die Zukunft des Wohnens aus?
So wie es aussieht, steigt die Zahl der kleinen Haushalte an, jedoch wird der Flächenbedarf pro Kopf größer. Dazu wird der Energieverbrauch immer wichtiger werden. Viele Gebäude aus den 50er bis 80er Jahren werden die Bedürfnisse nicht mehr einlösen können. Die Sanierung von Bestandsgebäuden wird eine große Aufgabe.

Gibt es Dinge, die Sie gerne realisiert hätten, aber nicht realisieren konnten?
Natürlich. Zum Beispiel das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück. An dem Wettbewerb mit über 300 internationalen Teilnehmern habe ich mit Prof. Helge Bofinger teilgenommen. Mit unserem sehr schönen Entwurf sind wir in einem der ersten Rundgänge gescheitert. Gebaut hat die Museumserweiterung dann ja bekanntlich Daniel Libeskind.

Was sind Ihre drei Lieblingsprojekte?
Von meinen eigenen? Unsere Gebäude hier in Lünen, Haus P in Dortmund und vielleicht ZOB in Herne.

Was planen Sie als nächstes?
Zur Zeit entwerfen wir ein Konzept für Probebühnen für ein regionales Theater, und auch immer wieder gerne Wohnhäuser!

Vielen Dank für das ausführliche Interview!


Weitere Informationen zu Martin Heiderich:

Architekt Martin Heiderich

Martin Heiderich, Architekt, geboren 1963 in Duisburg

  • Seit 1993 selbstständig in Dortmund, Selm-Cappenberg und Lünen
  • Von 1993 bis 2003 wiss. Ang. Universität Dortmund, Fakultät Bauwesen, Lehrstuhl für Entwerfen und Gebäudetheorie Univ.-Prof. Helge Bofinger
  • Mitautorenschaft, Redaktion und Gestaltung der Bücher „Studienarbeiten“ und „Studienarbeiten II“ des Lehrstuhls für Entwerfen und Gebäudetheorie

Weitere Informationen: www.heiderich-architekten.de


Fotos: Thomas Mayer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.